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Rund 200 Gäste treffen sich zum Neujahrsempfang der CDU im „Haus am Luhner Forst“.
Rund 200 Gäste treffen sich zum Neujahrsempfang der CDU im „Haus am Luhner Forst“.

Marco Prietz will Landrat werden – und andere winken ab

VON MICHAEL KRÜGER

Rotenburg – Nicht als Parteikollegen, sondern als „Liebe Freunde“ spricht Marco Prietz die Anwesenden an. 13 mal in 15Minuten Rede nutzt er die Formulierung, zwischendurch gibt es rhythmischen Applaus. Prietz grinst, kommt etwas aus dem Takt, verlässt sein sorgfältig vorbereitetes Manuskript. Trotz aller Aufregung ist an diesem Sonntagvormittag im „Haus am Luhner Forst“ in Rotenburg auch ihmklar, was gerade passiert ist: Die im Landkreis dominierende Partei, die CDU, hat bei ihrem Neujahrsempfang ihren Kandidaten für die Nachfolge von Landrat Hermann Luttmann im kommenden Jahr gefunden. Der will nach dann 15 Jahren im Amt nicht mehr – nun soll Prietz folgen.
„Ja, ichmöchte Landrat des Landkreises Rotenburg werden und mich mit ganzer Kraft für unsere Heimat einsetzen“, lautet der Satz, den der Bremervörder nach Luttmanns Bekenntnis zum Ruhestand im September noch nicht äußern wollte, nun vor gut 200 Parteimitgliedern und Gästen aber endlich über die Lippen bringt. Der 31-jährige Kreisverwaltungsrat leitet derzeit beim Landkreis Osterholz das Amt für Kreisentwicklung, ist CDU-Fraktionschef im Kreistag und galt längst als heißester Anwärter auf Luttmanns Nachfolge. Beim Applaus bleibt es nicht. CDU-Kreisparteichef Marco Mohrmann bezeichnet Prietz umgehend als „ganz hervorragenden Landratskandidaten“. „Er bringt über seine berufliche Laufbahn die richtige Expertise mit und kombiniert diese mit einer für sein Alter erstaunlichen politischen Erfahrung“, so Mohrmann in einer ersten Reaktion. Der noch amtierende Landrat indes bekommt davon an diesem Sonntagmorgen vor Ort nichts mit. Als Luttmann mit seiner Ehefrau bemerkt, dass für sie weder am Tisch der Führungsriege noch in erster Reihe bei den Ehrengästen Plätze reserviert sind, verlassen sie den Saal wieder. Prietz streicht die Passage seiner Rede, in der er an den „lieben Hermann“ gerichtet seine Wertschätzung
für dessen geleistete Arbeit ausdrücken wollte. Stattdessen skizziert Prietz das, was seine politische Agenda bestimmen
könnte, sollten ihn die Wähler zum Landrat machen. Drei Punkte seien zentral: Breitbandausbau, Mobilfunkausbau sowie die Digitalisierung und Modernisisierung der Verwaltung. Moderner, bürgerfreundlicher, umweltfreundlicher und erfolgreicher – Prietz rechnet in seinen 15 Minuten Redezeit nicht ab mit dem, was seine potenziellen Vorgänger im Kreishaus geleistet haben, versucht aber, frischen Wind und neue Konzepte einzubringen, die ihn ins Amt tragen
sollen.
Parteichef Mohrmann eilt nach der Ansprache umgehend zum befreit lächelnden Prietz und gratuliert, auch Ulrike Jungemann als Sitznachbarin herzt den Kandidaten. Die Regionalplanerin aus dem Kreishaus galt im vergangenen
Jahr als einzige Kandidatin innerhalb der Partei, mittlerweile hat sie aber wohl mehr die Fühler nach Scheeßel ins dortige Rathaus als Nachfolgerin von Käthe Dittmer-Scheele ausgestreckt. In den langen Applaus nicht so recht einsteigen möchte allerdings Torsten Lühring. Er bleibt verhalten, stimmt nicht in die Euphorie mit ein, und bestätigt
auf Nachfrage das, was sich abgezeichnet hat: „In dieser Konstellation möchte ich nicht kandidieren.“ Eine  parteiinterne Kamfkandidatur sei zwar für Außenstehende spannend, für Beteiligte aber nicht schön, sagt er. Auch wenn ihm selbst an diesem Sonntag einige Fürsprecher gesagt hätten, er solle seinen Hut doch offiziell in den Ring werfen, werde er das nicht tun.Marco Prietz sei „ein großes politisches Talent“, und werde dieser 2021 der neue Landrat, wolle er mit ihm gut zusammenarbeiten. Lühring: „Ich bin sehr dankbar, schon zwei Mal parteiübergreifend zum Ersten Kreisrat gewählt worden zu sein und möchte den Landkreis auch weiterhin an verantwortlicher Stelle mitgestalten.“ 2022 will Lühring sich für weitere acht Jahre als Erster Kreisrat zur Wahl stellen.
„Falls es weitere Interessierte an einer Kandidatur geben sollte, haben diese die Möglichkeit, sich bis zum 31. Mai bei uns zu melden“, sagt Parteichef Mohrmann offiziell. Das muss er tun, auch wenn er wie die lieben Freunde der CDU sicher ist, dass es keinen Gegenkandidaten für Prietz geben wird. Der hat parteiintern eine große Lobby, am 9. Juli findet die Nominierungsveranstaltung der CDU statt. Dass sich dann doch noch jemand anderes melden wird, ist unwahrscheinlich: Anwärter, über die einst diskutiert wurde wie Tarmstedts Samtgemeindebürgermeister Frank Holle
oder der Rotenburger Klaus Rinck, sind nicht zu hören.

Rund 200 Gäste treffen sich zum Neujahrsempfang der CDU im „Haus am Luhner Forst“.

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Bundestagsabgeordneter Oliver Grundmann spricht übers Thema Energie.
Bundestagsabgeordneter Oliver Grundmann spricht übers Thema Energie.

Der CDU-Kreisvorsitzende Marco Mohrmann begrüßt mehr als 200 Gäste.

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Landwirt Volker Emshoff berichtet über die Bauernproteste.

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Kein Landratskandidat mehr: der Erste Kreisrat Torsten Lühring.

Kein Landratskandidat mehr: der Erste Kreisrat Torsten Lühring.

FOTOS: MENKER


Professor bringt der CDU Impulse zum Umdenken mit

Wenn auch die Redner beim CDU-Neujahrsempfang Wert darauf legten, dass die Partei „konservativ“ sei, so standen die Zeichen doch auf Erneuerung. Das wurde nicht nur am Personaltableau der Führungsriege deutlich,  die mittlerweile stark verjüngt ist, sondern auch bei den Themen: Egal, ob Probleme der Landwirtschaft, Energiepolitik oder kommunalpolitisches Engagement angesprochen wurden, es wurde stets die Notwendigkeit betont, andere Wege zu gehen. Am deutlichsten formulierte es Festredner Nick Lin-Hi. Der Professor für Wirtschaft und Ethik der Universität Vechta hatte seinen packenden Vortrag mit „Langfristiges Überleben erfordert radikal neues Denken“ betitelt. Darin verdeutlichte er anhand einiger Zukunftszenarien, wie notwendig Veränderung zum Überleben ist. Und der Kernsatz gilt wohl in politischer Hinsicht auch für die CDU: „Das Zeitfenster schließt sich, wo wir was tun können.“

Professor Nick Lin-Hi bei seinem Gastvortrag in Rotenburg. FOTO: MENKER

Professor Nick Lin-Hi bei seinem Gastvortrag in Rotenburg.
FOTO: MENKER