Rotenburger Kreiszeitung vom 16.10.2017

CDU-Kandidat hat rund zwei Prozentpunkte Vorsprung vor SPD-Herausforderer Koch

Von Michael Krüger

ROTENBURG . Tief atmet Eike Holsten durch, und dann jubelt er doch. Im Rotenburger Kreishaus harrt der 34-Jährige mit seiner Frau Katrin und den Eltern aus, erst als auch der letzte der 93 Wahlbezirke im Wahlkreis 53 Rotenburg ausgezählt ist, Gewissheit: Der Rotenburger CDU-Chef folgt als Direktkandidat auf Parteifreundin Mechthild Ross-Luttmann im niedersächsischen Landtag. 670 Stimmen liegt er gegen 20.30 Uhr vor seinem  größten Kontrahenten, Tobias Koch (SPD) aus Vahlde – überraschend knapp.

Und so jubelt nicht nur Holsten unter Parteikollegen und Freunden kurze Zeit später im Rotenburger Bistro Harmonie, sondern auch der Politik- Neueinsteiger Koch im Vahlder Schützenhaus. „So knapp hätte ich es nicht erwartet“, gesteht der 32-Jährige. Kochs Aufholjagd im eigentlich „schwarzen“ Wahlkreis Rotenburg ist natürlich  an den Landestrend gekoppelt, aber es ist auch ein persönlicher Erfolg: 2,49 Prozentpunkte holt er mehr als Vorgänger Ralf Borngräber für die Genossen im Januar 2013, Holsten für die CDU verliert 4,65 Punkte. Zwar liegt Holsten, bislang Mitarbeiter in der CDU-Geschäftsstelle für die Bundestagsabgeordneten Reinhard Grindel und Kathrin Rösel, am Abend der Auszählung immer vorn, aber es ist „irre knapp“, wie er selbst sagt. „Der Wahlkampfeinsatz mit Schlussakkord hat sich gelohnt.“ Dass es trotz aller Vorschusslorbeeren eng werden könnte, habe er sich in den vergangenen Tagen selbst ausgerechnet. Tatsächlich verliert Holsten nicht nur in Kochs Heimatgemeinden, sondern auch in der Kreisstadt. „Mechthild Ross-Luttmann hat vieles überstrahlt in einer SPD-Stadt“, so seine erste Analyse. Den Auftrag der Wähler nehme er aber mit großem Dank an. Es sei gewissermaßen auch eine Ehre – wenn auch vermutlich nicht, wie erhofft, in Regierungsverantwortung. Morgen steht für Holsten die erste Fraktionssitzung in Hannover mit der CDU an. Und da, das deutet er an, würden klare Worte fallen zu Verantwortlichkeiten der Niederlage auf Landesebene.

Dass es nicht noch schlechter kam für die CDU, dafür hat auch das Ergebnis im gesamten Wahlkreis gesorgt: Mit 36,39 Prozent der rund 36000 Wählerstimmen liegt die CDU hier vor der SPD mit 34,47 Prozent. Es folgen Grüne (9,46%), FDP (7,45%), AfD (5,38%) und Linke (4,01%). Dass die knappe Niederlage für den Vahlder Koch auch eine gewisse Bestätigung innerhalb der Partei ist, lässt er noch gestern Abend durchblicken. Der 32-Jährige gilt als Favorit für den Kreisvorsitz der Genossen. „Ich will Verantwortung übernehmen in der Partei“, bestätigt er.

Mit Holsten zieht auch der Sottrumer Jan-Christoph Oetjen aus Sottrum in den Landtag ein. Er hatte bei der FDP  einen sicheren Listenplatz, zeigt sich angesichts des Abschneidens der Liberalen auf Landesebene aber auf der Wahlparty in Hannover „enttäuscht“. Jetzt gehe es in die Opposition, „die Ampel ist keine Option“, lediglich über „Jamaika“ könne man diskutieren, das sei aber „unrealistisch“, so der 39-Jährige, der seit 2003 im Landtag sitzt. Dass er mit 7,97 Prozent mehr Erst- als Zweitstimmen gesammelt hat, freue ihn zwar einerseits – „anders herum wäre es mir aber lieber gewesen“. Die Zweitstimmenkampagne der FDP für ein besseres Ergebnis auf Landesebene sei wohl beim Wähler nicht angekommen. Auch wählten Anhänger von Rot- Grün taktischer als die eigenen Unterstützer.

Und die anderen? „Unter den Umständen der vorgezogenen Wahl und der Zuspitzung auf das Duell Weil gegen Althusmann war es für die Kleinen schwierig, Stimmen zu sammeln“, sagte der Kandidat der Freien Wähler, Günter Scheunemann. Er holte 2,85 Prozent der Stimmen. Vor ihm rangierten noch Nils Bassen (Linke) mit 4,38 Prozent und Birgit Brennecke von den Grünen mit 7,87 Prozent. Dass sie als diejenige, die Elke Twesten stürzte und so die Neuwahlen mit auf den Weg brachte, ein deutlich schlechteres Ergebnis als die Scheeßelerin 2013 einfuhr, ärgert sie bei der Wahlparty der Grünen in Hannover wenig. Das habe mit dem damaligen Landtagsbonus zu tun gehabt, und außerdem: „Wir sind ein schwarzer Landkreis.“

Die zur CDU übergelaufene Elke Twesten lässt wiederum noch am Abend eine Spitze in Richtung ihres alten Kreisverbandes folgen, der sie nicht wieder als Kandidatin nominiert hatte: „Bemerkenswert, dass die bis dato überdurchschnittlich guten Ergebnisse der Grünen im Landkreis nicht annähernd erreicht worden sind – der Personalvorschlag Birgit Brennecke hat nicht überzeugt!“


Es ist, scherzt Eike Holsten bei der CDU-Wahlparty in Rotenburg , „wohl das letzte Wahlkampffoto von mir mit Haaren“. Mit ihm freut sich Ehefrau Katrin – wohl aber mehr über den Wahlsieg als über das lichter werdende Haupthaar des 34-Jährigen.  Foto: Menker